neXsolut Blog – Strategien für KI, Digitalisierung & Automatisierung

KI in Legacy-IT: Identitäten, Rechte und Datenzugriff | neXsolut

Geschrieben von Maximilian Roeder | 03.09.2026, 06:21:00

Viele Unternehmen diskutieren über das nächste KI-Modell, während der eigentliche Engpass längst feststeht: Die KI kann nicht zuverlässig auf die Informationen zugreifen, die sie für eine Aufgabe braucht. Oder sie könnte zu viel sehen. Beides macht aus einem vielversprechenden Pilotprojekt keinen belastbaren Prozess.

Gerade in gewachsenen IT-Landschaften entscheidet deshalb nicht zuerst die Qualität des Chatbots über den Nutzen. Entscheidend ist, ob Identitäten, Rollen, Gruppenrechte und Datenablagen so geordnet sind, dass ein Mitarbeiter – und später ein KI-Agent – mit klaren Grenzen arbeiten kann.

Warum eine KI-Lizenz noch keinen Arbeitsprozess schafft

Ein Copilot oder Agent kann Texte zusammenfassen, Anfragen strukturieren und Informationen vorbereiten. Doch er kann nur mit Daten arbeiten, die im jeweiligen Kontext erreichbar und eindeutig zugeordnet sind. Liegen Kundendaten im ERP, technische Unterlagen auf einem Netzlaufwerk, Verträge in einem weiteren System und Freigaben in persönlichen Postfächern, fehlt die Grundlage für einen durchgängigen Ablauf.

Das Problem zeigt sich meist nicht in der Demo. Dort liegt ein einzelnes Dokument bereit, der Nutzer ist bekannt und der Fall ist sauber vorbereitet. Im Alltag kommen Vertretungen, Ausnahmen, alte Gruppenrechte und unklare Datenstände hinzu. Dann stellt sich die entscheidende Frage: Wer darf welche Information sehen, bearbeiten oder an wen weitergeben?

Was sind Identitäten, Rechte und Datenzugriff – praktisch betrachtet?

Eine Identität ist mehr als ein Benutzerkonto. Sie verbindet einen Menschen, ein Gerät oder einen Dienst mit einer nachvollziehbaren Rolle im Unternehmen. Rechte bestimmen, was diese Identität lesen, ändern oder freigeben darf. Datenzugriff beschreibt schließlich, ob die benötigten Informationen zur richtigen Zeit, im richtigen System und in einem nutzbaren Format verfügbar sind.

Für einen KI-gestützten Prozess müssen diese drei Ebenen zusammenpassen. Ein Beispiel aus dem Vertrieb: Ein Agent soll eingehende Anfragen vorsortieren und fehlende Angaben erkennen. Dafür braucht er Zugriff auf die Anfrage, eine definierte Wissensbasis und gegebenenfalls den Kundenstatus. Er braucht jedoch weder pauschalen Zugriff auf alle Personalakten noch die Berechtigung, Preise verbindlich freizugeben. Genau diese Abgrenzung macht den Unterschied zwischen einer hilfreichen Automatisierung und einem Sicherheitsrisiko.

Gewachsene Berechtigungen sind der stille Bremsklotz

In vielen Unternehmen sind Gruppen und Freigaben über Jahre entstanden: Projekte wurden angelegt, Mitarbeiter wechselten Rollen, externe Partner brauchten temporären Zugriff. Selten wird dabei regelmäßig geprüft, welche Rechte noch erforderlich sind. Das ist schon ohne KI ein Risiko. Mit KI wird es sichtbarer, weil ein Assistent Informationen schnell über mehrere Quellen zusammenführen kann.

Es gibt zwei typische Fehler. Im ersten Fall wird der Zugriff zu eng gehalten. Die KI findet die relevante technische Spezifikation nicht, kennt den aktuellen Bearbeitungsstand nicht und liefert deshalb nur allgemeine Antworten. Im zweiten Fall wird Zugriff zu großzügig gewährt, damit der Pilot überhaupt funktioniert. Dann können Informationen in einen Arbeitskontext gelangen, in den sie nicht gehören.

Beides lässt sich nicht mit einem besseren Prompt lösen. Es ist eine Aufgabe für Identitäts- und Berechtigungsmanagement.

Was bedeutet das für Entscheider im Mittelstand?

Die richtige Reihenfolge lautet nicht: erst Tool auswählen, dann nach Daten suchen. Sinnvoller ist es, einen konkreten Prozess zu wählen und rückwärts zu prüfen, welche Voraussetzungen er braucht.

  1. Ergebnis definieren: Was soll der Prozess konkret vorbereiten, entscheiden oder weitergeben?
  2. Datenquellen benennen: Welche Systeme und Dokumente werden wirklich benötigt?
  3. Rollen und Grenzen festlegen: Welche Nutzer, Gruppen oder technischen Dienste dürfen lesen, schreiben oder freigeben?
  4. Ausnahmen sichtbar machen: Was passiert bei fehlenden Daten, widersprüchlichen Informationen oder Sonderfällen?
  5. Pilot mit begrenztem Zugriff starten: Erst wenn der Ablauf nachvollziehbar funktioniert, sollte er ausgeweitet werden.

Dieser Weg wirkt weniger spektakulär als eine neue KI-Demo. Er verhindert aber, dass ein Projekt später an Rückfragen, Sicherheitsbedenken oder manuellem Nacharbeiten hängen bleibt.

Entra, Active Directory und Datenablagen sind kein Nebenthema

Ob ein Unternehmen Microsoft Entra ID, ein klassisches Active Directory oder eine Mischform nutzt, ist nicht die strategische Kernfrage. Wichtig ist, dass Identitäten nachvollziehbar geführt, Rollen aktuell gehalten und Zugriffe nach dem tatsächlichen Bedarf vergeben werden. Ebenso wichtig ist eine realistische Sicht auf die Datenablagen: Ein verstreuter Dateiordner mit uneinheitlichen Versionen wird nicht dadurch zur Wissensbasis, dass ein Chatfenster davor gesetzt wird.

Für viele Mittelständler ist deshalb ein klar abgegrenzter Sidecar-Ansatz sinnvoll. Die KI bereitet Informationen aus einer kontrollierten Datenbasis vor, unterstützt bei Triage oder Dokumentenprüfung und gibt Ergebnisse an einen verantwortlichen Mitarbeiter weiter. Das Kernsystem bleibt zunächst führend. So entsteht Nutzen, ohne dass sensible Freigaben oder komplexe Altsysteme vorschnell geöffnet werden.

Der nächste sinnvolle Schritt

Wer KI produktiv einsetzen will, sollte nicht zuerst fragen: „Welches Modell ist das beste?“ Die bessere Frage lautet: „Welcher Prozess kann mit klaren Daten, eindeutigen Rollen und begrenzten Rechten verlässlich besser werden?“

Das ist keine Bremse für KI. Es ist die Voraussetzung dafür, dass aus einer Lizenz ein belastbarer Arbeitsablauf wird – und aus einem Pilotprojekt ein skalierbarer Nutzen.